Stimmungsschwankungen

Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt – in den Wechseljahren fahren die Gefühle oft Achterbahn. Manche Frauen sind gereizt, andere leiden unter Nervosität und Ängsten. Ursache sind Hormonschwankungen. Aber nur Mut: Es gibt durchaus Mittel und Wege, die schwankende Stimmungslage zu stabilisieren.

Noch vor einem Jahr hatte Angelika M. interessiert zugehört, wenn Kolleginnen über Wechseljahresbeschwerden klagten, dachte jedoch, davon sei sie noch weit entfernt. Schon kurze Zeit später musste sie feststellen, dass es ihr immer schwerer fiel, ihren Alltag wie gewohnt zu bewältigen. Die sonst so ausgeglichene 49-Jährige litt unter Nervosität und innerer Unruhe. Häufig fühlte sie sich niedergeschlagen, antriebslos und ängstlich. Im Büro war sie sogar in Tränen ausgebrochen, nur weil kein Kaffee mehr da war. Damit nicht genug: Mit ihrem Mann bekam sie sich ständig in die Haare. Ob im Büro oder in der Familie, die meisten Menschen in ihrer Umgebung finden ihr Verhalten völlig verrückt. Verwundert fragt sich die zweifache Mutter: „Was ist bloß mit mir los?“ Als kurze Zeit später auch noch Hitzewallungen auftreten, wird ihr schlagartig klar, dass die Wechseljahre wohl auch vor ihr  nicht Halt machen.

Stimmungsschwankungen, wie sie Angelika M. erlebt, zählen zu den typischen Wechseljahresbeschwerden. Diese können sowohl depressiv als auch aggressiv getönt sein oder auch einfach nur die Form einer allgemeinen Gereiztheit annehmen. Daneben können auch innere Unruhe, starke Anspannung und Ängste die Wechseljahre begleiten. Neben Hitzewallungen und Schlafstörungen zählen auch die Stimmungsschwankungen zu den psychovegetativen Symptomen der Wechseljahresbeschwerden und sind unliebsame Folgen der hormonellen Umstellung und des damit verbundenen Östrogenmangels.

Frauen leiden besonders unter Stimmungsschwankungen

Stimmungsschwankungen machen vielen Frauen schwer zu schaffen. Kein Wunder, denn „sie können höchst unangenehm sein und sind auch in den meisten Fällen der Grund, warum die betroffenen Frauen eine gynäkologische Praxis aufsuchen“, so Professor und Frauenarzt Dr. med. Bernd Kleine-Gunk. Nicht selten belasten sie Beziehungen zu Familienmitgliedern, Freunden und Kollegen.

Die Ursachen von Stimmungsschwankungen

Wenn aus verständnisvollen, gelassenen Müttern „ordnungssüchtige Furien“ oder „Trauerklöße“ werden, können Veränderungen im Hormonhaushalt dafür verantwortlich sein. „Während der Wechseljahre trägt der gravierende hormonelle Umstellungsprozess des Körpers unter anderem auch zu Veränderungen des Haushalts von wichtigen Botenstoffen wie Serotonin oder Noradrenalin im zentralen Nervensystem bei“, erläutert Dr. med. Thorsten Bracher, Chefarzt der Schlossparkklinik Dirmstein. Das könne zu erheblichen Beschwerden wie etwa intensiv erlebten Verstimmungen bzw. Gemütsschwankungen führen. Neben depressiven Verstimmungen seien auch Beschwerden wie Ängstlichkeit und Schlaflosigkeit nicht selten, so der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Dass die hormonellen Schwankungen in den Wechseljahren auch die Signalwege im Gehirn empfindlich stören können, bestätigt auch Professor Kleine-Gunk: „Mit den Neurotransmittern gerät dann auch die Gefühlswelt aus den Fugen.“
Symptome Wechseljahre

Was passiert während der Wechseljahre im Körper?

Im Zeitraum der Wechseljahre reifen die Eibläschen immer öfter nicht mehr ausreichend heran, da der Körper zu wenig Östrogen produziert. Deshalb erfolgt immer seltener ein Eisprung – mit der Folge, dass nun auch das zweite wichtige weibliche Sexualhormon, das Gelbkörperhormon, das erst nach erfolgtem Eisprung entsteht, nicht mehr gebildet wird. Das Paradoxe: nachdem zuerst ein Östrogenmangel geherrscht hat, kommt es nun zu einem Östrogenüberschuss. Und nicht nur am Ende der Wechseljahre, auch dazwischen kann es schon Phasen mit spärlicher Hormonproduktion geben. Bis die Eierstockfunktion ganz erlischt, kann es immer wieder zu einem hormonellen Ungleichgewicht kommen.

„Die Frauen sind in dieser Phase, die durchaus Jahre anhalten kann, einer hormonellen Achterbahnfahrt ausgesetzt. Besonders schwierig wird die Angelegenheit dadurch, dass weder Arzt noch die betroffene Frau vorhersagen können, in welchem Stadium man sich gerade befindet, und die Symptome und Beschwerden und damit auch die Behandlungsmöglichkeiten stark schwanken. Es ist vermutlich dieses stetige ,Auf und Ab‘, das die Frauen so besonders empfindlich und dünnhäutig macht und ganz wesentlich für die Stimmungsprobleme verantwortlich ist“, erklären die Frauenärztinnen und Hormonspezialistinnen Dr. med. Katrin Schaudig und Dr. med. Anneliese Schwenkhagen.

Östrogen: ein wichtiger Stimmungs-Dirigent

Dass die weiblichen Sexualhormone Stimmungen und Emotionen erheblich beeinflussen können, ja sich der Gefühle sogar bemächtigen können, kennen viele Frauen von dem sogenannten prämenstruellen Syndrom (PMS). Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass in den Tagen vor der Menstruation eine Vielzahl von psychischen oder körperlichen Beschwerden auftreten kann. Hierzu gehören Wassereinlagerungen, Spannungsgefühl in den Brüsten, Kopfschmerzen, aber eben auch ein Gefühl der allgemeinen Gereiztheit. „Wenn im Rahmen eines PMS schon ein leichtes Ungleichgewicht der Hormone derartige Stimmungsschwankungen auslösen kann, so ist nachvollziehbar, wie die wirklich starken hormonellen Schwankungen in den Wechseljahren die Stimmung trüben“, resümiert Frauenarzt Dr. Kleine-Gunk. So weiß man heute, dass ein Östrogenmangel bzw. ein niedriger Östrogenspiegel den Serotoningehalt im Blut sinken lässt. Und damit sinkt quasi automatisch auch die Stimmung, denn Östrogen fördert die Bildung und Ausschüttung von Serotonin, dem „Glückshormon“.

Wenn im Rahmen eines PMS schon ein leichtes Ungleichgewicht der Hormone derartige Stimmungsschwankungen auslösen kann, so ist nachvollziehbar, wie die wirklich starken hormonellen Schwankungen in den Wechseljahren die Stimmung trüben.

Frauenarzt Dr. Kleine-Gunk

Auch nach der Geburt ihres Kindes stürzt aufgrund des Östrogenabfalls so manche Mutter in ein Stimmungsloch, ein Phänomen, das im Englischen als „Baby Blues“ bezeichnet wird. In schweren Fällen könnten dabei die Depressionen so stark sein, dass aus der Befindlichkeitsstörung eine echte Krankheit wird.

Können Hormonschwankungen Stimmungstiefs verursachen?

Östrogen hin oder her: nicht immer ist es allein der Östrogenmangel, der in den Wechseljahren auf das Gemüt drückt. Denn zu allem Überfluss fällt die Menopause nicht selten in eine Zeit des Umbruchs und des Abschieds. Die Kinder nabeln sich ab oder gehen aus dem Haus. Und damit müssen auch Partnerschaften und Rollenmodelle neu definiert werden. Außerdem sieht man, wie die Eltern älter werden, erkranken – oder muss bereits deren Tod verkraften. All das belastet Körper und Seele und kann depressive Verstimmungen begünstigen.

Wie stark Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit hormonell bedingt sind oder ob diese eher langjähriger Erschöpfung und Überforderung geschuldet sind, können selbst Ärzte kaum unterscheiden. Und als ob all dies nicht genügen würde, müssen Frauen dann auch noch mit dem Gefühl klarkommen, keine fruchtbare und somit „vollwertige Frau“ zu sein. Nicht zuletzt spüren Frauen, dass sie nicht mehr so attraktiv und belastbar sind wie mit 30 oder 40. Da leidet das Selbstwertgefühl. Besonders jene Frauen, die sehr viel Wert auf äußerliche Attraktivität gelegt haben und wenig Interessen hatten, geraten in den Wechseljahren leicht in eine Krise.

Stimmungen und Emotionen ansehen

Die Gynäkologin Dr. med. Beate Vollmer ist überzeugt, dass biochemische Prozesse allein, die durch einen Östrogenmangel oder hormonelle Umstellung ausgelöst werden, keine Stimmungsschwankungen hervorrufen können. Vielmehr seien sie dadurch bedingt, dass Frauen in dieser Phase der Hormonschwankungen durchlässiger und empfänglicher seien für seelisch nicht bearbeitete Themen. „Während der Wechseljahre drängen sich unbearbeitete Themen wie aus einem Vulkansee aus der Tiefe der Seele nach oben“, erklärt die Frauenheilkundlerin. Kränkungen, verdrängte Konflikte, Schuld- und Schamgefühle können zutage treten. Die homöopathische Ärztin rät Frauen, die aufwallenden Emotionen nicht wegzudrücken, sondern sie sich genau anzusehen und zu würdigen. Ihre Patientinnen ermutigt sie dazu, sich zu fragen, wann sie sich schon mal so gefühlt haben. „Dabei kann es sich lohnen, tief in die Mädchenzeit zurückzugehen“, so die Gynäkologin.

Während der Wechseljahre drängen sich unbearbeitete Themen wie aus einem Vulkansee aus der Tiefe der Seele nach oben.

Gynäkologin Dr. med. Beate Vollmer

Die gute und beruhigende Nachricht: „Der Hormonhaushalt kehrt früher oder später bei jeder Frau zu dem gleichmäßigen Hormonspiegel zurück, wie er vor der Zeit der Pubertät bestand“, erklärt Dr. Vollmer. Dann bessern sich die Beschwerden in den allermeisten Fällen.

So können Frauen ihr Wohlbefinden steigern

Was können Frauen bis dahin für sich selber tun, um ihre Stimmung zu heben? Soziale Aktivitäten wie gesellige Runden mit Familie und Freunden sind Freizeitbeschäftigungen, die das Wohlbefinden steigern. „Und auch Sport kann helfen, unsere Stimmung aufzuhellen. Denn wer regelmäßig in die Pedale tritt oder im Schwimmbecken seine Bahnen zieht, der fördert u. a. die Produktion des Neurotransmitters Dopamin im Gehirn, was das sogenannte Belohnungssystem stimuliert und somit Gefühle wie Freude oder Glück auslösen kann“, weiß Dr. Bracher. Auch mit Entspannung kann man einem Stimmungstief entgegensteuern. Ob Wellnessbad, Schlemmermenü oder Autogenes Training, wichtig ist es, immer wieder im Alltag für Wohlfühl-Momente zu sorgen.

Homöopathische Mittel lindern psychische Symptome

Patientin beim ArztEine Hormonersatztherapie hält die Frauenärztin Dr. Vollmer nur selten für notwendig. Ihrer Erfahrung nach lassen sich psychische Beschwerden sehr gut mit homöopathischen Mitteln behandeln. Dabei sucht sie für ihre jeweilige Patientin das zu ihrem ganzheitlichen Beschwerdebild passende Konstitutionsmittel. Die Heilpraktikerin Jenny Hertz hingegen, die sich auf die Behandlung psychischer Beschwerden mit Homöopathika spezialisiert hat, verordnet gern auch homöopathische Komplexmittel. „Denn in manchen Fällen ist es sehr schwierig, das passende Einzel- bzw. Konstitutionsmittel zu finden, das die Gesamtheit aller Symptome abdeckt. Gerade in den Wechseljahren, wenn der Zyklus durcheinandergeraten ist, haben sich in meiner Praxis Präparate, die mehrere homöopathische Wirkstoffe in Tiefpotenzen vereinen, deshalb besonders bewährt. Über diese Kombination habe ich ein größeres Anwendungsspektrum und eine Mischung an Wirkstoffen, die ineinandergreifen“, erklärt die Expertin für Naturheilkunde.

Ein wirksames homöopathisches Komplexmittel

Während Sepia, die Tinte des Tintenfisches, bei Reizbarkeit, Aggressivität und Rückzug hilft, lindert Cimicifuga, die Traubensilberkerze, Depressionen und Angstzustände, da sie das zentrale Nervensystem beruhigt. Und die Ignatiusbohne setze sie besonders bei Frauen ein, die schlecht über Enttäuschungen und Kränkungen hinwegkommen und deshalb depressiv verstimmt sind, so Hertz. Frauen, die ein Beschwerdebild wie Angelika M. aufweisen, verordnet die Heilpraktikerin neben Heilpflanzen-Tee auch ein homöopathisches Kombinationspräparat, das diese Inhaltsstoffe enthält. Sie rät Frauen außerdem in dieser Lebensphase zu einer vitamin- und mineralienhaltigen Ernährung. Auch Akupunktur könne helfen, so Hertz. All dies zusammen führt nach einer Behandlungszeit von drei Monaten zu einer stabileren Seelenlage und innerer Ruhe.

Info
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Weitere Informationen erhalten Sie auch unter:

Dr. med. Beate Vollmer, www.homoeopathisches-aerztehaus.de
Heilpraktikerin Jenny Hertz, www.praxis-hertz.de

Empfohlene Bücher

Dr. med. Anneliese Schwenkhagen, Dr. med. Katrin Schaudig, „Kompass Wechseljahre“, Trias Verlag
Prof. Dr. med. Bernd Kleine-Gunk mit Anna Cavelius, „Entspannt durch die Wechseljahre“, GU Verlag


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